Foto: Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle.

Multimediale und inklusive Erinnerungsarbeit: Jüdisches Leben in der Gemeinde Nohfelden

Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle

Unser Projekt „Multimediale und inklusive Erinnerungsarbeit: Jüdisches Leben in der Gemeinde Nohfelden“ ist seit 2011 entstanden und seitdem stetig erweitert worden. Anlass für unsere AG-Arbeit war im Jahr 2011 eine Anfrage des Adolf-Bender-Zentrums St. Wendel an unsere Schule, ob diese nicht die 1. Stolpersteinverlegung in der Gemeinde Nohfelden begleiten wolle. Unsere AG entschloss sich, diese Aufgabe zu übernehmen. Seitdem erinnern wir mit unserer Arbeit an unsere ehemaligen jüdischen Nachbarn unserer Heimatgemeinde.

Wir wollte dann unbedingt unsere Rechercheergebnisse zur jüdischen Geschichte möglichst vielen Menschen an unserer Schule und in unserem Schulumfeld zugänglich machen. Zu Beginn des Schuljahres 2014/2015 entstand so die Idee, eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte unserer Heimatgemeinde zu erstellen. Im Laufe des Schuljahres haben wir 7 Ausstellungstafeln entworfen, die zum einen nun dauerhaft in unserem Schulgebäude hängen, zum anderen aber auch als Wanderausstellung beispielsweise von anderen Schulen ausleihbar ist.

Eigentlich dachten wir, dass mit der Erstellung der Tafeln unsere AG-Arbeit beendet wäre. Wir konnten uns ab dem Schuljahr 2015/2016 nicht mehr regelmäßig nachmittags treffen, da wir mittlerweile durch den Eintritt in die Oberstufe jeden Tag Nachmittagsunterricht hatten. Außerdem haben sechs unserer AG Mitglieder nach der 10. Klasse unsere Schule verlassen, sodass wir nur noch zu siebt waren. Allerdings ärgerten wir uns darüber, dass wir nur einen Bruchteil unserer Rechercheergebnisse auf den Tafeln abdrucken konnten und fragten uns, in welcher Form wir den Rest veröffentlichen könnten. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, unsere Arbeit weiter zu führen. Wir beschlossen eine Homepage zur jüdischen Geschichte unserer Gemeinde zu gestalten (www.juedischeslebennohfelden.wordpress.com). An der Homepage arbeiteten wir hauptsächlich in Projektwochen und am Nachmittag. Meist fuhren wir hierfür nach St. Wendel zum Adolf-Bender-Zentrum. Herr Klein vom Adolf-Bender-Zentrum brachte uns dann auf die Idee, die Tafeln noch mit QR-Codes zu versehen, mit denen die Besucher mehr Informationen über die Thematik über unsere Homepage abrufen können. Über die QR-Codes gelangt man zu unserer Homepage und der interessierte Leser kann hier einen vertieften Einblick in die verschiedenen Aspekte der jüdischen Geschichte der Gemeinde Nohfelden erhalten.

Als unsere Schule dann am Modellprojekt „Inklusive Schule“ teilnahm, bei dem im Saarland Konzepte eines individualisierenden Unterrichts und einer inklusiven Förderung erarbeitet und erprobt werden, kamen wir auf die Idee, unsere Ausstellung auch Menschen mit Beeinträchtigungen zugänglich zu machen. Herr Klein kam dann auf uns zu und fragte uns, was wir davon hielten, unsere Arbeit auch sehgeschädigten Menschen zugänglich zu machen. Er schlug hierfür eine Zusammenarbeit mit der Staatlichen Förderschule für Blinde und Sehbehinderte in Lebach, der Louis-Braille-Schule vor. Zusammen mit sehbehinderten Schülerinnen und Schülern dieser Schule haben wir dann von September 2015 bis Juli 2016 unsere Tafeln als Audiospur vertont. Sehbehinderte Menschen können sich nun über unsere Homepage die Inhalte der Tafeln anhören.

Außerdem fragten wir uns in diesem Schuljahr, wie wir lernbehinderten Menschen und Menschen, die die deutsche Sprache noch nicht beherrschen, unsere Ausstellung verständlich machen können. Die Idee entstand, eine Version in Leichter Sprache zu entwickeln. Hierfür nahmen wir die Hilfe eines Seminarfachkurses der Klassenstufe 12 in Anspruch, die dieses Projekt in Zusammenarbeit mit der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe gGmbH in Spiesen-Elversberg umsetzten. Wir haben dann nur noch deren Projektergebnis auf unserer Homepage veröffentlicht.

Parallel zu unserer Arbeit haben Oberstufenschüler unserer Schule im vergangenen Schuljahr Wandertagskonzepte zu den Orten jüdischen Lebens unserer Gemeinde sowie der Nachbargemeinden entwickelt. Mit Hilfe dieser Konzepte führen wir an unserer Schule auf Basis dieser Konzepte in der Unter- und Mittelstufe einen Wandertag im Jahr zu den Resten der jüdischen Kultur in unserer Gemeinde und im regionalen Umfeld der Schule durch. Durch die parallele Erstellung von Unterrichtsmaterialien zu den einzelnen Ausstellungstafeln sollen zukünftige Schülergenerationen an der Ausstellung arbeiten und lernen können. Besonders der Geschichtsunterricht der Klassenstufe 9 zur Thematik des Nationalsozialismus kann hier in den nächsten Jahren bereichert werden. Oberstufenschüler der Klassenstufen 12 werden im nächsten Schuljahr im Rahmen des Seminarfachs an der Erstellung dieser Unterrichtsmaterialen arbeiten. Diese beiden Bausteine sind auch für unser Projekt besonders wichtig: Nur so können wir im Sinne einer Nachhaltigkeit sicherstellen, dass auch Schülerinnen und Schüler der nachfolgenden Jahrgänge sich intensiv mit ihrer Heimatgeschichte auseinandersetzen und aus dieser Geschichte lernen können. Außerdem ergänzen die Wandertagskonzepte und die Unterrichtsmaterialien unseren multimedialen Ansatz.

Zusammenfassend können wir auf bereits 9 Jahre Projektarbeit zurückblicken. Wir sind stolz auf das Erreichte und sind gespannt, was wir noch erreichen können. Multimedial ist unser Projekt, weil wir neben einer Wanderausstellung, Filmen und Unterrichtsmaterialien auch noch eine eigene Homepage mit ergänzenden Informationen erstellt haben. Inklusiv ist unsere Erinnerungsarbeit, weil wir auf unserer Homepage Menschen mit Sehbehinderung, Lernbeeinträchtigung und Sprachschwierigkeiten über eine Audiospur und einer Version in „Leichter Sprache“ einen Zugang zu unserer Thematik ermöglichen.

Mit unserem Projekt wollen wir an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte erinnern: Anwohner der betroffenen Dörfer der Gemeinde Nohfelden, unsere gesamte Schulgemeinschaft sowie unsere Familien und Freunde können/konnten wir so über die Ereignisse der Naziherrschaft in unserer Heimatgemeinde informieren. Wir fanden dabei besonders interessant, uns mit der Geschichte unserer Heimatgemeinde zu beschäftigen. Dies motivierte uns sehr, weil wir herausfinden konnten, was damals in unseren Dörfern passiert ist.

Außerdem finden wir es gut, dass wir mit unserem Projekt Spuren an unserer Schule und in unserem außerschulischen Umfeld hinterlassen werden. Mit dem, was wir erstellt haben, können noch viele Schülerinnen und Schüler, die nach uns an die Schule kommen, arbeiten und ihr Wissen erweitern. Zudem haben wir das Schicksal unserer ehemaligen jüdischen Nachbarn wieder in den Blick der Öffentlichkeit gebracht. Dies ist für uns sehr wichtig, weil wir doch so zeigen können, zu was Hass und Gewalt führen. In der heutigen Zeit, in der rechtsgerichtetes Denken und diskriminierendes Verhalten wieder „populär“ werden, denken wir, dass unser Projekt vor den Folgen einer solchen Entwicklung warnen kann.

Als besonders gewinnbringend und motivierend empfanden wir die Zusammenarbeit mit der Projektgruppe der Louis-Braille-Schule Lebach (Staatliche Förderschule für Blinde und Sehbehinderte). Anfängliche „Berührungsängste“ konnten wir schon beim ersten Treffen mit den Schülerinnen und Schülern abbauen. Deren offene und mutige Herangehensweise an unser Projekt hat uns beeindruckt!

Folgende Ergebnisse unserer Projektarbeit können wir aufzählen:

Unsere Wanderausstellung, die ausleihbar ist, aber auch für jeden sichtbar im Schulgebäude hängt,

unsere Homepage, auf der wir die Ergebnisse unserer Projektarbeit für jeden zugänglich gemacht haben,

die Versionen unserer Ausstellung in Leichter Sprache und als Audiospur, die helfen sollen, Menschen mit Beeinträchtigungen einen Zugang zur Thematik zu ermöglichen,

zwei Filme zur Thematik können über die Homepage abgerufen werden: ein Film zu den Resten der jüdischen Kultur unserer Gemeinde sowie ein Film zur 1. Stolpersteinverlegung.

Zusätzlich haben wir in Zusammenarbeit mit Mitschülern aus der Oberstufe folgende Materialien erarbeitet:

Eine Unterrichtseinheit zur Geschichte des Nationalsozialismus in unserer Gemeinde und zum Schicksal unserer jüdischen Nachbarn und

ein Wandertagskonzept, mit dem Klassen aus der Unter- und Mittelstufe die Relikte der jüdischen Kultur unserer Gemeinde als außerschulischen Lernort nutzen.

Wir glauben, dass wir mit Hilfe der genannten Ergebnisse Folgendes bei uns und vielen unserer Mitschüler erreicht haben:

Zweifelsohne konnten wir Wissen zur jüdischen Geschichte unserer Heimatgemeinde vermitteln und haben so zu einem geschichtlichen, religiösen und kulturellen Wissenszuwachs unserer Schüler beigetragen.

Einzelne Schüler haben sich angestoßen durch unser Projekt sogar mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt!

Wir konnten dafür sensibilisieren, zu was diskriminierendes Denken führen kann und zu was ein menschenverachtendes, antidemokratisches Regime fähig ist und haben unsere Mitschüler zum Nachdenken darüber angeregt, wie wichtig demokratische Entscheidungen für unser tägliches Miteinander sind und dass man anderen Menschen, Religionen und Kulturen mit Offenheit begegnen muss.

Durch unser Projekt haben wir selbst „Demokratie gelernt“, da wir alle Entscheidungen in unserer Projektarbeitsphase gemeinsam getroffen haben und jeder sich einbringen konnte.

Wir haben erkannt, dass Unterschiede bereichern: die Schülerinnen und Schüler aus Lebach halfen uns, unsere Arbeit aus ganz neuen Blickwinkeln zu betrachten und letztendlich auch, vorurteilsloser und toleranter mit dem Anderssein umzugehen. Die offene und mutige Herangehensweise der Lebacher Schüler an unser Projekt hat uns beeindruckt!

Wir haben an unserer Schule auch einen interkulturellen Austausch mit der Synagogengemeinde Saarbrücken sowie der Semiliye-Moschee in Völklingen-Wehrden angestoßen. Seit drei Jahren besuchen Schülerinnen und Schüler unserer Schule regelmäßig beide Gemeinden.

Wir konnten unsere Schule mit einigen außerschulischen Akteuren vernetzen, die uns bei unserem Projekt unterstützt haben (Louis-Braille-Schule Lebach, Synagogengemeinde Saarbrücken, Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel, Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe in Spießen-Elversberg, …). Das Projekt wirkt über unsere Schule hinaus!

Schließlich haben wir erreicht, dass sich unsere Schulgemeinschaft nachhaltig mit anderen Religionen und Kulturen beschäftigt. Unsere AG ist hier ein gutes Beispiel: unsere Arbeit geht ja noch weiter!

Beteiligte Kooperationspartner:

Adolf Bender Zentrum St. Wendel, Louis Braille Schule Lebach, Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe in Spesen-Elversberg; Kooperation siehe Inhaltsbeschreibung

Personell waren neben der AG und den Schülern des Seminarfaches Herr Klein vom Adolf Bender Zentrum, die Lebacher Projektgruppe sowie Mitarbeiter des Werkstattzentrums für behinderte Menschen der Lebenshilfe Spießen-Elversberg an dem Projekt beteiligt; Die Wanderausstellung wurde über das Adolf Bender Zentrum finanziert; die Ausstellungstafeln in unserem Schulgebäude hat die Schule aus Preisgeldern und Spenden finanziert.

Thema: Projekt einer Schule